Mädchenfußballmannschaft des Ratsgymnasiums qualifiziert sich für das Bundesfinale in Berlin

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NW 28.06.18

 

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“
Mädchenfußballmannschaft des Ratsgymnasiums qualifiziert sich für das Bundesfinale in Berlin

„Unglaublich!“, „Ich kann’s nicht fassen!“, „Berlin, im Ernst jetzt?!“  - dies waren nur einige Reaktionen der Fußballerinnen des Ratsgymnasiums, als der Schiedsrichter das letzte Gruppenspiel bei den diesjährigen Landesmeisterschaften in Leverkusen abpfiff. Mit einem Tor in sprichwörtlich letzter Minute gelang den Ratskickern das, was zu Beginn des Tages geschweige denn vor zwei Jahren wahrscheinlich noch keine der Spielerinnen, Eltern oder Betreuer für möglich gehalten hätte: Die Mannschaft des Ratsgymnasiums hatte in diesem Moment den Landesentscheid für sich entschieden und repräsentiert das Bundesland Nordrhein-Westfalen nun auf höchstmöglicher schulsportlicher Ebene im Rahmen von Jugend trainiert für Olympia beim dreitägigen Abschlussturnier im September in Berlin. Doch wie war es dazu gekommen? Ein Blick zurück zeigt, wie sich ein aus Eigeninitiative heraus gegründetes Mädchenfußballprojekt in kürzester Zeit zu einem sportlichen Aushängeschild der Schule entwickeln konnte.

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Eigeninitiative zahlt sich aus
Vor zwei Jahren kamen Schülerinnen aus der Erprobungsschule mit einer Herzensangelegenheit auf ihre Sportlehrer zu: Sie wollten Fußball spielen! Doch dieser Wunsch bezog sich hinsichtlich des schulischen Rahmens weniger auf den Sportunterricht, als vielmehr auf das außerunterrichtliche Angebot: Sie hatten von Jugend trainiert für Olympia gehört. In vielen Sportarten, wie beispielsweise Hockey, Schach, Golf, Fußball (Jungen), Turnen oder Schwimmen, heimsten Schülerinnen und Schüler bereits seit Jahren im Auftrag der Schule Erfolge ein. So hatten sie das Anliegen, eine Mädchenfußballmannschaft zu gründen, um mit dieser gegen andere Bielefelder Schulen zu spielen und mit den blau-weißen Trikots sowie weißen Ratsemblemen auf der Brust ihre eigene Schule zu repräsentieren. Die Mädchen fanden Gehör und schließlich wurde unter Leitung von Frau Gronau das erste Mädchenfußballteam in der traditionsreichen Schulgeschichte gegründet.
Es dauerte nicht lange, da feierte die Gronau-Truppe ihre ersten Erfolge. Und mit den anfänglichen Erfolgen auf städtischer Ebene stellte sich immer dringender die Frage nach einer neuen Aufstellung und Ausrichtung des Teams. Unter der Leitung von Herrn Steiner, der das Projekt aufgrund angemeldeter Elternzeit von seiner Vorgängerin übernommen hatte, wurden die sportlichen Weichen neu gestellt. Das große Potential von Vereinsspielerinnen in den Jahrgängen 2004-2006 musste entsprechende Berücksichtigung finden. Eine leistungsorientiertere Ausrichtung des Kaders trat an die Stelle der zuvor vornehmlich hobbymäßig-freiwilligen Teilnahme.

Lehrreiche Erfahrungen beim Landesentscheid 2017 in Ahaus
Nicht zuletzt dem spielstarken Mannschaftskern von Spielerinnen des DSC Arminia Bielefeld war es zu verdanken, dass die Ratskicker im letzten Jahr bereits den Bezirksmeister-Titel aus Paderborn mit in den Nebelswall holten (siehe Bericht „Bezirksmeister! – Die Erfolgsstory vom Mädchenfußball am Ratsgymnasium geht weiter“ auf der Homepage des Ratsgymnasiums von Mai 2017). Im Anschluss daran stand der Landesentscheid in Ahaus an. Bereits zu diesem Zeitpunkt geisterte die Vorstellung vom Bundesfinale in den Köpfen vieler Spielerinnen. Dies schien auch legitim, schließlich ging der Sieg auf Bezirksebene ohne größere Schwierigkeiten von Statten, sodass die Mannschaft nun nur noch einen Schritt von der höchstmöglichen Etappe des bundesweiten Fußballturnieres entfernt war. Gleich im ersten Spiel kassierten die Mädchen jedoch ihre ersten Gegentore – ein ungewohntes Gefühl, hatte man sich zuvor auf Stadt- und Bezirksebene doch immerzu vermeintlich locker und zumeist ohne Gegentore durchsetzen können. Die Köpfe gingen runter und die Einstellung, sich nach Ballverlusten aufzuraffen, Bälle im Gegenpressing wiederzuholen oder Mitspielerinnen nach Fehlern aufzubauen, schwand. Zur eigenen kognitiven Unzufriedenheit gesellte sich zu großer Respekt vor den Gegenspielerinnen, die plötzlich nicht mehr nur ebenbürtig, sondern mittlerweile geradezu übermächtig erschienen. So waren die Mädchen zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hielten fortan auch körperlich nicht mehr dagegen. All diese Tugenden, die unsere Einstellung zuvor immer im Gegenteiligen auszeichnete, schienen mit ausbleibendem Erfolg plötzlich wie weggeblasen.

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Doch es sind vor allem diese Erfahrungen in Zeiten sportlicher Rückschläge und Niederlagen, die für uns Sportler so lehrreich sind und aus denen Trainer und Mannschaft ihre Konsequenzen für die Zukunft zogen. Der Coach war fortan nicht mehr nur noch individual- und gruppentaktisch als Ratgeber von Nöten, sondern musste den Ratskickern in dieser Zeit vor allem sportpsychologisch zur Seite stehen. Wir – das Trainerteam und die Mannschaft – entschieden uns dazu, uns mental vom selbst auferlegten Druck zu befreien. Und siehe da, wir fanden die positiven Einstellung wieder, dachten von nun an von Spiel zu Spiel und wählten erneut eine Herangehensweise mit kollektiven Denkmustern. Letzteres beinhaltete gemeinschaftliche Verhaltensweisen auf dem Spielfeld, wie z.B. alles für die eigenen Mitspieler zu geben, nie aufzugeben und auch das eigene Wohl – etwa individuelle Positionswünsche bei der Aufstellung – im Sinne der Mannschaft hinten anzustellen. All dies half uns noch im letzten Jahr dabei, die verbleibenden Spiele bei den Landesmeisterschaften in Ahaus positiv zu gestalten. Als viel wertvoller, im Vergleich zu den am Ende dieses Turnieres gesammelten Punkten, sollten sich allerdings mit Blick auf die Entwicklung der Mannschaft die dort gemachten Erfahrungen im Umgang mit Gegentoren und Punktverlusten erweisen.

Personelle Verstärkungen zum Schuljahr 2017/2018
Im aktuellen Schuljahr freuten sich die Ratskicker zunächst über personellen Zulauf. Startend in der Wettkampfklasse III durften nun auch Spielerinnen mit dem Geburtsjahrgang 2004 in der etablierten Schulmannschaft mitspielen. Der Kader wurde um den Kern aus Philine Meyer, Anna Band, Antonia Franovic, Luna Heiderich, Linda Riesmeyer und Frieda Euscher-Klingenhagen ergänzt. Defensiv bedeutsam war vor allem die Tatsache, dass sich mit Eva Sudbrack eine gelernte Torhüterin anschickte, das Team zu verstärken. Mit Jana Pankoke, Mai-Britt Lübke, Larissa Rahe, Marlene Klötzer und Rieke Barkhausen gewann die Steiner-Truppe darüber hinaus in Abwehr und Angriff weiter an spielerischer Qualität. Mit dem neuen Kader stand fest: Es war ein Team entstanden, das nunmehr fast ausschließlich aus Vereinsfußballerinnen bestand und sich hinsichtlich des fußballerischen Potenzials fortlaufend verstärkt hatte. Ein gutes Zeichen auch für den Trainer, der um die Verstärkungen und damit verbundenen neuen Möglichkeiten wusste. Herr Steiner war allerdings von den zuletzt gemachten Erfahrungen aus dem vorausgegangenen Schuljahr gewarnt. Eine sportliche Zielvorgabe gab er den Mädchen vor diesem Hintergrund für den kommenden Durchgang nicht mit auf den Weg.

Souveräne Vorstellungen auf städtischer Ebene und im Bezirk
Die neu zusammengestellte Mannschaft fand sich schnell. Auf städtischer Ebene waren die Mädchen ihren Gegnern deutlich überlegen. Das Halbfinale gegen die Kuhlo-Realschule konnte mit 7:1 für sich entschieden werden. Im Finalspiel um die Stadtmeisterschaft hatte die personell dezimierte Truppe der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schulen mit einem zweistelligen Ergebnis das Nachsehen. Lobend gilt es in dieser Phase die Einstellung der Ratskicker hervorzuheben. Sie folgten in beiden Spielen der Vorgabe des Trainers, den Gegner im Sinne des Fair-Play-Gedankens ernst zu nehmen und den Spielverläufen konsequent den eigenen Spielstil aufzudrücken. Konkret standen gruppentaktische Maßnahmen, wie die Verbesserung des Kurzpassspiels, die Spielverlagerung und das Gegenpressing zur schnellen Rückeroberung des Balles bei Ballverlust im Vordergrund. Daneben wurde auch individualtaktisch weiter an der Einhaltung von Positionen und individuellen Laufwegen gearbeitet.

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Nach der Winterpause ging es schließlich mit dem Titelgewinn bei den Bielefelder Stadtmeisterschaften im Hallenfußball im Rücken, dem Schröder Team-Cup, zu den Bezirksmeisterschaften nach Herford. Im Schatten des altehrwürdigen Ludwig-Jahn-Stadions ging es zunächst in einer Dreigruppe gegen den Sieger des Kreises Herford (Endstand 3:0 / Torschützen: Mai-Britt, Luna, Rieke) und Minden-Lübbecke (Endstand 8:0 / Torschützen: Rieke 3x, Frieda 2x, Luna 2x, Mai-Britt). Im Finalspiel gegen die Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule aus Werther galt es nun den Bezirksmeister-Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen. Auch hier setzten die Mädchen die taktischen Vorgaben in beeindruckender Manier nahezu perfekt um. Durch frühes Anlaufen und Zustellen konnten die Ratskicker den Mädchen aus Werther von Beginn an den Schneid abkaufen. Schneller Ballgewinn, lange Ballbesitzphasen und ein variables Flügelspiel über die Außen waren maßgeblich ausschlaggebend dafür, dass der Gegner zu keiner Zeit ins Spiel fand. Lediglich zum Spielende hin ließ die Konzentration mit schwindenden Kräften etwas nach, sodass die junge und sicher leitende Schiedsrichterin das Spiel bei einem Spielstand von  6:1 abpfiff (Torschützen: Frieda 2x, Luna 2x, Rieke, Marlene). Schluss! Aus! Ende! Die Titelverteidigung auf Regierungsbezirksmeisterschaftsebene war perfekt.

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Die Landesmeisterschaften in Leverkusen – nichts für schwache Nerven!
Gegen halb sieben in der Früh machten sich die Ratskicker dann am Dienstag, den 5. Juni 2018, in nahezu kompletter Kaderstärke – lediglich Larissa fehlte krankheitsbedingt –  mit dem ICE auf die Reise nach Leverkusen. Dass sie 13 Stunden später völlig erschöpft, aber überaus glücklich wieder am Bielefelder Hauptbahnhof wie Weltmeister in Empfang genommen würden, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand erahnen.
Gespielt wurde im Jugendfußball-Zentrum Kurtekotten, dem Nachwuchsleistungszentrum von Bayer 04 Leverkusen. Als Gegner hatten sich in einer Gruppen aus fünf Mannschaften im Modus jeder gegen jeden das Städtische Gymnasium Wermelskirchen (Sieger Regierungsbezirk Köln), das Gymnasium Essen-Werden (Sieger Regierungsbezirk Düsseldorf), das Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund (Sieger Regierungsbezirk Arnsberg) und das Pascal-Gymnasium aus Münster (Sieger Regierungsbezirk Münster) für den Landesentscheid qualifiziert. Nur der Sieger sollte am Ende des Tages das begehrte Ticket zum Bundesfinale nach Berlin erhalten – eine Ehre, die dem Ratsgymnasium zu Bielefeld in seiner langen Historie erst zweimal, im Tennis und im Tanzen, zuteilwurde.
Unsere Ausgangslage ist schnell skizziert: Unter den zahlreichen Sportschulen wurde insbesondere den Mannschaften aus Essen als Stützpunkt des Frauenfußball-Bundesligisten sowie aus Münster als letztjährigem Berlin-Finalteilnehmer  von Vornherein gute Erfolgschancen zugeschrieben. Was hatten wir vor diesem Hintergrund schon zu verlieren? Wir wussten jedoch um unsere Stärken und wie heißt es doch so schön: Wenn zwei sich streiten, freut sich ein Dritter? Nein! Vorsicht! Wir hatten aus den Erlebnissen in Ahaus unsere Schlüsse gezogen und gelernt. Die Zunahme von Süßigkeiten wurde für den Turnierverlauf ebenso untersagt wie eine allzu ausgedehnte Bewegung in den Spielpausen – dies hatte uns schon im Vorjahr mitunter den Zahn gezogen. Zudem wurde das „B-Wort“ (Berlin) vorübergehend aus unseren Wortschätzen gestrichen, um den Druck, den wir uns in Ahaus letztjährig nahezu vollständig selbst auferlegt hatten, so gering, wie möglich, zu halten. Und eben an diese Stelle trat die Aufforderung, sich von Beginn an auf die Fußball-Basics zu besinnen, die uns in so vielen vorausgegangenen Spielen so stark gemacht hatten: frühes Anlaufen und Stören des Gegners, schnelles Umschaltspiel im Wechsel mit längeren Ballbesitzphasen und konsequentes Kurzpassspiel in den Fuß.
Sich Dinge in der Theorie vorzunehmen ist einfach, sie adäquat auf dem Platz umzusetzen allerdings viel schwieriger. Dies zeigte sich schließlich im ersten Spiel. Es war wie ein Déjà-vu: Die Ratskicker spielten sichtlich nervös. Zwar konnten die Mädchen das Spielgeschehen optisch an sich reißen und deutlich mehr Spielanteile für sich verbuchen, jedoch schlugen sie aus dem erzielten Ballbesitz keinen Profit. So agierten sie in vielen Situationen zu umständlich. Kompliziert gespielte Pässe wurden den Mitspielerinnen auf dem schnellen Kunstrasen unerreichbar in den Lauf gespielt. Vor dem Tor wurden oft die falschen Entscheidungen hinsichtlich des letzten Passes getroffen. Waren es wieder die hohen eigenen Erwartungen in den Köpfen der Bielefelder Fußballerinnen, die ihre Beine bei hochsommerlichen Temperaturen von über 30°C schwer werden ließen? Als es zur Halbzeit mit 0:0 in die Pause ging, erinnerte vieles an die Erlebnisse von vor einem Jahr. Doch irgendetwas schien anders – vordergründig in motivationaler Hinsicht. Die Blicke gingen diesmal nicht gen Boden, die Mädchen appellierten aneinander, nicht aufzugeben und in jedem Spiel unabhängig vom Spielstand alles für die Truppe zu geben. Es waren zweifelsfrei auch die Erfahrungen aus dem Vorjahr, die der Mannschaft in dieser Phase weiterhalfen, sich nicht aufzugeben. Hinzu kam, dass die älteren Spielerinnen sofort Verantwortung übernahmen und viel kommunizierten. Herr Steiner konnte sich demnach auf das Spielerische konzentrieren. Er erinnerte die Mädchen an den Spielstand und gab abermals die Anweisung, den Kopf auszuschalten und entsprechend der anfänglich gewählten Worte einfach und effektiv zu spielen. Dank eines herausragenden Zweikampfverhaltens gelang es Wermelskirchen im zweiten Spielabschnitt hinten die Null zu halten und so endete die Partie am Ende 0:0. Dennoch: mit der ersten Halbzeit hatte das Spiel nichts mehr zu tun. Die Ratskicker gingen von nun an selbstbewusst in die Zweikämpfe und erarbeiteten sich mehrere hochkarätige Torchancen. Mal fehlte das Abschlussglück, zeitweilig allerdings auch die notwendige Konzentration im Abschluss.

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Im zweiten Spiel stand die Schulmannschaft des Ratsgymnasiums dann einem der Favoriten gegenüber, dem Pascal-Gymnasium aus Münster. Der letztjährige Berlin-Teilnehmer beeindruckte unsere Mädchen in der ersten Halbzeit mit seinem physisch-robusten Spiel. Ellenbogeneinsätze, Grätschen mit wenig Ballkontakt und Ziehen am Trikot lagen oft an der Grenze zum Erlaubten. Da der Schiedsrichter allerdings (zu) vieles durchgehen ließ, waren die Ratskicker froh, dass es ohne größere Verletzungen und torlos in die Pause ging. Hier waren die Beschwerden über Gegner und Schiedsrichter groß – schließlich musste mit Mai-Britt eine Stütze in der Abwehr bereits vorübergehend verletzungsbedingt passen. Herr Steiner gab den Mädchen nun mit auf den Weg, dagegen zu halten, ohne dabei jedoch unfair zu spielen. Ferner gab er den Hinweis, dass es bei überhartem Gegnereinsatz auch mal legitim sei, zu Boden zu gehen und beim Schiedsrichter vorstellig zu werden. Wie die Truppe diese Vorgaben umsetzte, war beeindruckend. In Sachen Zweikampfverhalten war dieses Spiel wohl das Stärkste, das die Mannschaft je gespielt hat. Hinzu kam in der zweiten Halbzeit schließlich auch die angesprochene Spielintelligenz: Nach einem gegnerischen Foulspiel gab es Freistoß kurz hinter der Mittellinie. Rieke nahm sich den Ball und schlenzte ihn unhaltbar in die lange linke obere Torecke. Was war das? Wir führten gegen einen der Turnierfavoriten. Dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung und dem unbändigen Willen, auf und außerhalb des Spielfeldes alles zu geben, brachten die Mädchen den Favoriten nicht nur ins Wanken, sie stürzten ihn und gewannen das Spiel mit 1:0.
Dieser Sieg war Gold wert für das Selbstvertrauen und den Zusammenhalt der Truppe. Die Mädchen waren endgültig im Turnier angekommen. Von nun an schien alles möglich. In dieser Phase war es wiederum wichtig, nicht erneut in alte Denkmuster zu verfallen, sondern mit bodenständigem Fußball und einer soliden Grundeinstellung in das nächste Spiel gegen das formal schwächere Immanuel-Kant-Gymnasium aus Dortmund zu gehen. Herr Steiner appellierte abermals an ein mannschaftsdienlich geschlossenes Spiel. Jede Spielerin musste bei diesen hochsommerlichen Temperaturen alles für ihre Mitspielerinnen geben und durfte auch die unangenehmen Wege nach Ballverlust in der Rückwärtsbewegung nicht vernachlässigen. Zudem sollten Ball und Gegner in der Offensivbewegung laufen gelassen werden, um die eigenen Kräfte für das abschließende Gruppenspiel zu sparen. Das „Wunder von Leverkusen“ vor Augen, spielten sich die Bielefelderinnen nun in einen Rausch. Der greifbare Erfolg wirkte nun keinesfalls mehr lähmend. Mit 7:0 (Torschützen: Rieke 2x, Frieda 2x, Antonia, Luna, Mai-Britt) hatten die chancenlosen, aber aufopferungsvoll kämpfenden Dortmunder das Nachsehen.

Spannende Ausgangslage vor dem abschließenden, alles entscheidenden Gruppenspiel
3 Spiele, 7 Punkte, noch kein Gegentor – eine vielversprechende Ausgangslage vor dem letzten Spiel gegen das Gymnasium Essen-Werden. Längst vergessen war das erste Spiel. Spannung lag in der Luft, konnten zu diesem Zeitpunkt noch beide Mannschaften dieser Paarung mit einem Sieg das Ticket nach Berlin lösen. Bei einer Punkteteilung und einem Sieg der Münsteraner, die zeitgleich auf dem Spielfeld nebenan spielten, hatte mit dem Pascal-Gymnasium sogar noch ein drittes Team die Möglichkeit, weiterzukommen. Mehr Spannung? Geht nicht!
In der ersten Halbzeit schenkten sich die beiden Mannschaften aus Bielefeld und Essen nichts. Es wurde um jeden Zentimeter gekämpft. Kein Ball wurde freiwillig oder halbherzig preisgegeben. Rassige, aber jederzeit faire Zweikämpfe im Mittelfeld dominierten das Spielgeschehen. Zwar konnte das Ratsgymnasium bis zur Halbzeit ein leichtes Plus an Torabschlüssen für sich verbuchen, doch blieben hochkarätige Torchancen auf beiden Seiten Mangelware. So ging es torlos in die Halbzeitpause. Nun galt es für Herrn Steiner, den Ratskickern ein letztes Mal gut zuzusprechen. Motivational bestand natürlich kein Steigerungsbedarf, ganz im Gegenteil: Der Bielefelder Coach versuchte die Mädchen in dieser letzten Spielansprache zu erden und verwies wiederholt auf die bestehenden fußballerischen Qualitäten auf Seiten seiner Auswahl. Dabei standen wiederum die bereits erwähnten Basics in Form von einfachem, flachem Zusammenspiel im Vordergrund. Hinten galt es die Konzentration zu bewahren, da die Essener das ein ums andere Mal mit gefährlichen Pässen in die Tiefe versuchten, die Bielefelder Hintermannschaft auszuhebeln. Im Offensivspiel nach vorne musste weiterhin Ruhe bewahrt werden, um gute Möglichkeiten in der Entstehung nicht zu hektisch abzuschließen und damit herzuschenken.
In der zweiten Halbzeit zeichnete sich dann ab, was Trainer und Betreuer bereits zu Turnierbeginn hatten kommen sehen. Beide Mannschaften hatten zuvor drei Spiele über zweimal 15 Minuten Spielzeit in beißender Hitze absolviert und eine nervenaufreibende Anreise in den Beinen. Zusammen mit diesem vierten Gruppenspiel ergab dies 120 Minuten Nettospielzeit für jede Mannschaft bei lediglich drei zugelassenen Auswechselspielerinnen. Die Essener hatten im vorausgegangenen Spiel viele Körner bei ihrer 0:2-Niederlage gegen Münster liegen lassen müssen. Die Bielefelder konnten dagegen im Spiel zuvor gegen Dortmund viel rotieren und mittels guter Spielanlage gegen einen überforderten Gegner Kräfte sparen. Vor diesem Hintergrund bauten die Mädchen aus Essen-Werden kräftemäßig zunehmend ab. Doch auch die Ratskicker zollten diesen Umständen Tribut. So war nach wie vor Vorsicht geboten, blieb der Gegner – angeführt durch ihre Spielmacherin und deren Schnittstellenbälle –  weiterhin brandgefährlich. Ein Mittefeldgeplänkel kannte das Spiel nun nicht mehr. Es ging hin und her in den gefährlichen Bereichen in Tornähe. Vier Minuten vor Spielende dann die große Möglichkeit für die Bielefelderinnen: Indirekter Freistoß, acht Meter halblinke Position vor des Gegners Tor. Die Irritation ist groß, gleich drei Bielefelderinnen fordern den Ball, der Freistoß wird ausgeführt, zu unpräzise, der Ball verspringt – Chance vertan. Es bleiben nur noch zwei Minuten auf der Uhr des Schiedsrichters. Da Münster im Parallelspiel deutlich führt, wäre das Pascal-Gymnasium aufgrund des Unentschiedens auf diesem Spielfeld Turniersieger. Doch dann passiert das schier Unmögliche: Rieke, mittlerweile vom Trainer aufgrund ihrer unerschöpflichen konditionellen Reserven zur Verstärkung an die Seite der unermüdlich kämpfenden Frieda ins Zentrum beordert, erkämpft sich den Ball im Zweikampf gegen die defensivste Essener Verteidigerin, sie läuft im eins gegen eins auf die gegnerische Torfrau zu, schaut kurz hoch und schließt eiskalt flach in die untere linke Torecke ab. Die Führung! Unglaublich! Die Mädchen sind außer sich, sie können ihr Glück kaum fassen. Doch noch verbleiben mindestens 90 Sekunden. Herr Steiner hat Mühe wieder Zugriff auf seine Truppe zu bekommen. Wild gestikulierend ordert er seine Schützlinge zurück. Alle Bielefelder Spielerinnen werfen sich nun defensiv in jeden Zweikampf und schlagen die Bälle weit in die Hälfe ihres Gegners. Nein, der Wille der Essenerinnen ist gebrochen – sie können den Ratskickern keine Parole mehr bieten. Das Momentum bleibt bis zum Schlusspfiff auf Seiten des diesjährigen NRW-Meisters, dem Ratsgymnasium Bielefeld.

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Die Lernfähigkeit aus zurückliegenden Erfahrungen, ein unbändiger Wille, unerschöpfliche Energiereserven, eine geschlossene Mannschaftsleistung gepaart mit fußballerischer Qualität und einer einwandfreien Defensivleistung waren zweifelsohne die Garanten für diesen Erfolg. Ohne Gegentor (!) auf Landesebene in einem nicht zu unterschätzenden Teilnehmerfeld qualifizieren sich die Mädchen somit für das Bundesfinale im September in Berlin. Man darf gespannt sein, welche Rolle sie dort als Vertreter Nordrhein-Westfalens gegen die qualifizierten Mannschaften der übrigen deutschen Bundesländer spielen werden. Wenn sie ihr spielerisches Potenzial abrufen, sich an die vermittelten taktischen Inhalte erinnern und ihre Nerven im Griff behalten, dürfte dies nicht das letzte Kapitel der Erfolgsstory des Mädchenfußballs am Ratsgymnasium zu Bielefeld gewesen sein.

S. Steiner, Juni 2018