Brötchen trifft Semmel – Die Studienfahrt nach Wien 2012

Brötchen trifft Semmel – Die Studienfahrt nach Wien 2012

Wien, einst Machtzentrum eines Vielvölkerstaates und kultureller sowie gesellschaftlicher Knotenpunkt, heute eher für das unverwechselbare Flair und kulinarische Verführungen bekannt, war das diesjährige Studienfahrtsziel von 28 Schülerinnen und Schülern des Ratsgymnasiums Bielefeld unter der Leitung von Herrn Dr. Altenberend und Herrn Gerwin. Im Vordergrund dieser Fahrt standen die Geschichte Österreichs und vor allem der Stadt Wien vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert. Ein Blick auf den vorab schon verteilten Terminplaner ließ zudem erkennen, dass auch ein Schwerpunkt auf die klerikale Geschichte der Stadt Wien gelegt wurde, welches sich in zahlreichen Kirchbesuchen widerspiegeln sollte.

So startete die Gruppe am 27. September 2012 um 22 Uhr gut gelaunt von der Kunsthalle und traf am folgenden Tag gegen 11 Uhr in der österreichischen Hauptstadt ein. Auf dem Programm stand zunächst ein Stadtrundgang zur Orientierung, welcher mit dem Besuch der Minoritenkirche eingeleitet wurde. Es folgten die unumgänglichen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie der Stephansdom oder das Opernhaus, wobei all diese in den darauf folgenden Tagen an Hand eines Referates vorgestellt werden sollten. Merkmal einer jeden Studienfahrt ist nämlich, dass die einzelnen Schüler sich im Vornhinein intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigen und zu diesem ein Referat erstellen, welche in einem eigens für die Fahrt zusammengestellten Reader gesammelt werden. Die Referate werden dann vor Ort von dem jeweiligen Schüler/in gehalten. Nachdem wir am späten Nachmittag unsere Zimmer im Hotel, das etwas außerhalb vom Stadtzentrum lag, bezogen hatten, wurde der Abend in einer Gastwirtschaft direkt im Ort mit gutem Essen abgerundet. Der Auftakt für eine gute Studienfahrt war gelegt.
Neben den „Standard-Sehenswürdigkeiten“ war es uns am darauf folgenden Tag vergönnt, einer Führung durch das Schottenstift beizuwohnen. Das Schottenstift, direkt in Wien gelegen, existiert seit dem Jahr 1155. Da Herzog Heinrich II. Jasmirgott Wien als neue Residenzstadt auserkoren hatte, berief er iroschottische Mönche nach Wien zum Aufbau eines Klosters. Im Laufe der Zeit veränderten sich auf Grund von Bränden einerseits und Reformen andererseits das Aussehen und die Funktion des Klosters. Heute sind die Hauptaufgaben des von Benediktinern geleiteten Klosters die Seelsorge, aber auch der Unterricht am eigenen Gymnasium.
Am Sonntagmorgen stand der Besuch von Schloss Schönbrunn auf dem Programm. Da wir früh aufgebrochen waren, konnten wir die Schlossanlage noch zu einer ruhigen Zeit bewundern, bevor unzählige Busse die verschiedenen Gruppen absetzten. Mit einer Gruppe von 30 Personen war eine Besichtigung des Schlossinneren nicht möglich, dafür aber ein Spaziergang durch den sehr schönen Schlossgarten hinauf zur Gloriette, von wo wir dank des strahlenden Wetters eine einzigartige Sicht auf das Schloss und die Stadt hatten.

So schön dieser Tag angefangen hatte, so endete er dann auch in der Staatsoper. Gespielt wurde das Stück Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill, in dem starke Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft geübt wurde. Das Stück, das zum ersten Mal in der Staatsoper aufgeführt wurde, fand auf Grund seiner kommunistischen Tendenz unterschiedlichen Widerhall sowohl bei den Schülern als auch bei den anderen Zuschauern.
Wien ist ja nicht nur für sein gesellschaftliches Leben bekannt, sondern auch - wie eingangs beschrieben - für seine Küche. Sachertorte mit Schlagobers oder Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat sind die wohl bekanntesten Vertreter dieser Küche. Aber es wird auch Weinbau in Wien betrieben und zwar in Grinzing, einer am Rande der Stadt gelegenen Ortschaft. Dieser Stadtteil wurde von der Gruppe am nächsten Tag besucht. Erschöpft von einem anstrengendem Vormittag, welcher der Geschichte der Juden in Wien gewidmet war, fuhr die Gruppe mit dem Bus am späten Nachmittag auf den Kahlen Berg, von welchem man die beste Sicht auf die sich langsam immer mehr erleuchtende Stadt hat. Nach einem Referat über die Türkenbelagerungen, die in der Wiener Geschichte eine bedeutende Rolle spielen und sich unter anderem auf dem Kahlen Berg abgespielt haben, begann eine Wanderung durch die Weinberge in die Weinwirtschaften in Grinzing, dem so genannten „Heurigen“. Mit dem Begriff sind aber nicht nur die Wirtschaften gemeint, sondern vor allem der junge Wein, der dort ausgeschenkt wird. Der Heuriger ist ein junger Wein, bei dem die Gärung noch nicht vollständig abgeschlossen ist und er deshalb eine spritzige Note besitzt. Beendet wurde der Abend in eben einer solchen Gastwirtschaft und die Verkostung des Weines in kleineren und auch größeren Mengen trug zu einer ausgelassenen Stimmung bei.
Lange anhalten durfte die Wirkung des Alkohols jedoch nicht, da für den nächsten Tag ein Ausflug in die slowakische Hauptstadt Bratislava vorgesehen war. Weil zuvor noch kein Teilnehmer in Bratislava gewesen war, entstand eine gewisse Spannung, wie es denn nun in einem ehemals kommunistischen Land heutzutage aussieht. Der erste Eindruck der Stadt entsprach zunächst den gehegten Vorurteilen: Plattenbauten. Der Begriff des „Ostblock-Feelings“ machte die Runde. Aber je mehr wir in das Stadtinnere gelangten, desto mehr verschwanden auch die Hochhäuser, wobei der erste Eindruck bei dieser Besichtigung prägend blieb und durch die immer noch vorhandene Stalin-Statue in der Innenstadt vertieft wurde. Während des Stadtrundgangs wurde aber auch deutlich, dass in den letzten Jahren viel geschehen ist: der Stadtkern wurde saniert, viele Gebäude renoviert und Botschaften der verschiedensten Länder eingerichtet, Restaurants und Geschäfte eröffnet. Besonders die Burg, welche über die Stadt ragt, wurde aufwendig restauriert und dient heute als Repräsentationsgebäude. Letztendlich muss jedoch festgehalten werden, dass ein gewisser „Schock“ bei den Teilnehmern zu Beginn der Stadtbesichtigung verständlich ist, da Bratislava im Gegensatz zur Weltstadt Wien provinziell wirkt. Am Beispiel von Bratislava wurde sehr gut deutlich, wie lange nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Spuren des Kommunismus noch erkennbar sind.
Zurück in Wien wurde am darauf folgenden Morgen der Zentralfriedhof besichtigt. Mit 2,5km ² Fläche gehört er zu den größten Friedhöfen Europas und ist die letzte Ruhestätte vieler bekannter Persönlichkeiten. So haben nicht nur alle Bundespräsidenten der Zweiten Österreichischen Republik ihr Grab auf diesem Friedhof, sondern auch Berühmtheiten aus der Musik-Welt. Die Gräber von Beethoven, Schubert, Brahms und Strauß waren zu besichtigen wie auch verschiedene Mozart-Denkmäler, wobei Mozart selbst nicht auf dem Zentralfriedhof beerdigt worden ist. Am Nachmittag folgte dann eine Führung durch die Nationalbibliothek. Besonders imposant war dabei der Prunksaal. Das von Kaiser Karl VI. in Auftrag gegebene und in den Jahren 1723 bis 1726 errichtete Gebäude umfasst eine Länge von 77,7m, 14,2m Breite und 19,6m Höhe. Es bietet Platz für 200.000 Bücher. Aber die Nationalbibliothek besteht nicht nur aus diesem Saal. Vor allem unter der Erde befinden sich über hundert Regale, in denen sich sämtliches Schriftmaterial aus den letzten Jahrhunderten befindet. Auf Grund der Verpflichtung, ein Exemplar jedes gedruckten Buches, jeder Zeitschrift und sogar jeder Broschüre abzugeben, sieht sich die Bibliothek zunehmend mit einem Platzproblem konfrontiert, wobei die jetzige Fläche an Regalen schon mehreren Fußballfeldern entspricht. Abgerundet wurde der Tag mit dem Besuch des Burgtheaters, in welchem das Stück Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich v. Kleist aufgeführt wurde. Da es sich bei den Plätzen um Stehplätze handelte und die Beine nach der zweieinhalb stündigen Aufführung immer schwerer wurden, waren alle froh, als sie sich wieder im Hotelzimmer ausruhen konnten. Das war auch dringend angeraten, denn am nächsten und zugleich letztem Tag der Studienreise standen noch viele Punkte auf dem Programm. An jenem Tag wurde das Thema Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus behandelt. Nach der Besichtigung des Heldenplatzes, auf dem Hitler nach dem Einmarsch eine Rede gehalten hatte, wurde zum besseren Verständnis der Geschehnisse und Umstände an einer Führung im Museum des Widerstands teilgenommen.
Mit dem wahlweisen Besuch der Gemäldegalerie oder des naturhistorischen Museums am Nachmittag wurde der letzte Programmpunkt der Fahrt eingeleitet. Zwar sind beide Museumsgebäude von außen schon von beträchtlicher Größe, doch erschlug die Anzahl von Exponaten in beiden Museen den Betrachter fast und man benötigt mehrere Stunden, um sich einen Überblick über die Ausstellung zu verschaffen. Nach dem Museumsbesuch war den Schülern die restliche Zeit bis zur Abfahrt um 21 Uhr frei gestellt.
Als dann um Punkt 21 Uhr der Bus die Stadt Wien über die Mariahilfer Straße verließ, waren alle Teilnehmer von der anstrengenden Fahrt erschöpft und freuten sich auf die Ankunft in Bielefeld. Doch die Freude und der Spaß während der Studienfahrt ließ jegliche Anstrengung vergessen und führte zu der einstimmigen Meinung, dass diese Fahrt eine Unvergessene bleiben wird.
Alle sind sich auch bewusst, dass diese Studienfahrt ohne die schon zum Jahresbeginn begonnene Planung der Lehrer niemals hätte so schön werden können. Deshalb sei zum Schluss dieses Berichtes der Dank aller Schülerinnen und Schüler an Herrn Dr. Altenberend und Herrn Gerwin für diese einzigartige Kursfahrt ausgesprochen.

Jan Beutler

Bielefeld, Oktober 2012

wienfahrt2012